“wenn Träume sich in Luft auflösen“

…meine Geschichte vom Hannover-Marathon 2008

 

…es ist soweit, endlich der 4. Mai und ich sitze im Bus nach Hannover. Mir geht’s gut, keine Bauch- oder Kopfschmerzen und ich versuche gar nicht erst nervös zu werden. Warum auch, seit Januar bereite ich mich auf diesen einen Tag vor, über 800 km bin ich gelaufen, so viele davon im Regen, im dunklen, bei Wind und Wetter. Fünf Läufe über 3 Stunden, der längste über 36 km, Trainingslager im Sauerland, was soll denn jetzt noch passieren! Nur die letzten paar Tage ging es mir beschissen, Kopfschmerzen, ein bissel Fieber, ich dachte iss halt die Aufregung. Den Marathon absagen…auf gar keinen Fall!

Es ist kurz vor neun, ich stehe mit Armin im Startblock, wir schütteln uns die Hände, wünschen uns alles Gute…ich fühl mich echt gut…Startschuss…los geht’s.

Armin zieht ab, ich hab mir fest vorgenommen es langsam angehen zu lassen. Die ersten 10 km auf alle Fälle über einer Stunde. Da kommt Roger von hinten angelaufen. Wir machen Blödsinn mit den Zuschauern, lachen…mir geht´s super…ich denke an Willingen…“wenn nicht jetzt…wann dann“. Vor uns ist der 4:15er Ballon, hinter uns der 4:30er…genau richtig. Das Wetter ist so toll…mir geht´s super…nur ein bissel kalt ist´s mir…ach egal! Nach ungefähr 9 km trenne ich mich von Roger, er will am 4:15er Ballon dran bleiben, ich will meinen Vorsätzen treu bleiben…lieber etwas langsamer aber ankommen. Jetzt kommt die 10 km Marke, ich schaue auf die Uhr…knapp über einer Stunde…super….nur der Puls hat sich immer noch nicht auf sein normales Niveau eingestellt…ist bestimmt die Aufregung denke ich.

Jetzt pfeife ich mir erst mal ein Geltütchen rein, alle 10km wollte ich was essen, wie bei den Trainingsläufen. Eine Trommlergruppe steht am Streckenrand…Gänsehaut…nicht nur wegen den Trommlern…ich friere immer noch. Es geht Richtung Innenstadt, da stehen bekannte Gesichter am Straßenrand, jetzt kommt mein Schatz zusammen mit Marlene…ein kurzer Handschlag…weiter geht´s. Ein Blick auf die Uhr…Zeit gut…nur der Puls will einfach nicht runter! Ich nehme etwas Tempo raus…der Puls muss irgendwie runter…aber ich fühle mich super!

Kurz vor km 20 kommt der 4:30er Ballon von hinten, jetzt aber dran bleiben…ein Blick auf die Uhr: Zeit super…aber der Puls…seit über 2 Stunden renne ich jetzt mit über 160!

Ich nehme nochmal etwas Tempo raus, den roten Ballon muss ich ziehen lassen…egal, Hauptsache ankommen und der Puls muss doch irgendwie runter. Jetzt kommt die Brücke über den Mittellandkanal…die Hälfte ist geschafft, nur noch „Bergab“ denke ich…mir ist kalt!

Es geht endlos entlang des Kanals, mein Kopf sagt: „Du schaffst dass“. Mir ist immer noch kalt, die Beine schmerzen mittlerweile entsetzlich, auf die Pulsuhr schaue ich schon gar nicht mehr. Schock!!! Der 4:45er Ballon kommt an mir vorbeigetrabt!

Die Schmerzen werden immer heftiger…ich denke das erste Mal an den „Hammermann“. Der kommt doch angeblich erst bei km 36, was will der jetzt schon von mir? Die Strecke zieht sich endlos. Die Schmerzen sind mittlerweile so heftig das ich eine Gehpause einlegen muss. Das erste Mal gehen mir Gedanken durch den Kopf: „ich glaube ich schaffe das nicht!“ Ich verdränge die schlechten Gedanken, ich denke an die vielen Trainingsläufe, die vielen Leute die mir die Daumen drücken, ich will ankommen!

Ich bin ganz alleine auf der Straße…wo sind die denn alle,  frage ich mich und meine Beine schmerzen so, das ich schon Schlangenlinien laufe. Eine Straßenecke weiter sehe ich wieder Läufer vor mir, der eine geht, der andere quält sich anscheinend mit Krämpfen. Ich habe das Gefühl das mir jemand kochendes Wasser über die Beine schüttet.

Im nächsten Moment finde ich mich auf dem Bürgersteig liegend……Aus der Traum……das war´s!!!

Ein Feuerwehrmann kommt, ein Zweiter, sie fragen ob ich Hilfe brauche...ich scherze: „kannst Du mich ein Stück tragen“, sage ich zu dem Einen…ich ziehe mir mein Kopftuch übers Gesicht und fange an zu weinen. In Gedanken falle ich irgendwo runter, immer tiefer, es ist so schrecklich und ich schäme mich so!

„Wollen Sie was essen, ich hole ihnen was“ sagt eine Stimme zu mir, ich habe kein Zeitgefühl mehr, wie lange liege ich schon hier? Der Feuerwehrmann hilft mir auf, ein paar Meter weiter ist eine Verpflegungsstelle, ich humple hin, setze mich auf eine Bank und trinke einen Schluck. Ich fühle mich so beschissen.

Ein Sanitäter bringt mich zu einem VW-Bus, in der Frontscheibe ein Schild: „Marathon-Ende“, wie wahr! Ist das jetzt der „Besenwagen“, welche Schande in diesem Wagen zu sitzen. Aber ich bin nicht alleine, der Kollege mit den Krämpfen sitzt auch schon drin…nicht immer ist geteiltes Leid, halbes Leid!

Der Fahrer versucht uns aufzumuntern „Jungs,  ihr habt doch knapp 30 km geschafft, super Leistung, seid froh das ihr mit mir fahrt und nicht mit dem Krankenwagen! Ich will gar nicht aus dem Fenster schauen, kann den Zuschauern nicht ins Gesicht sehen, verkrieche mich auf der Rückbank.

Ich habe kein Gefühl wie lange wir gefahren sind, an einer Straßenbahnhaltestelle setzt uns der Besenwagen ab. Wir steigen in die nächste Bahn ein, sitzen nebeneinander, schauen auf den Boden, ich fühle mich elend. Als wir am Rathaus ankommen sind die Rolltreppen außer Betrieb, Toll! Wir kriechen wie uralte Opas die Treppen rauf. Überall begegnen uns Läufer mit Startnummern auf der Brust, Medaille um den Hals und diesem Gesichtsausdruck, von dem ich so geträumt habe.

Im Zielkanal kommen immer noch Läufer an, die Zuschauer klatschen sich die Finger wund. Wie gerne würde ich auf der anderen Seite der Absperrung laufen. Da steht mein Schatz und blickt angespannt ins Läuferfeld, den Fotoapparat in der Hand, will mich beim Zieleinlauf ablichten und ich komme zwischen den Zuschauern an geeiert!

Zwei Stunden später sitze ich wieder im Bus, der Schmerz in den Beinen lässt langsam nach…der an der anderen Stelle noch nicht. Viele versuchen mich aufzumuntern, so richtig klappt’s nicht.

Am Dienstag kommt Marlene vorbei, die Montagsläufer haben mir eine Karte geschrieben…mir steckt ein Kloß im Hals…Danke!

Der Marathon ist nun fünf Tage her, ein „Marathoni“ bin ich leider nicht geworden, aber ich habe eine Erfahrung gemacht, eine äußerst schmerzvolle zwar,  aber eine die unter die Haut geht. Und ich durfte erfahren, wie viele liebe, tolle Menschen ich doch kenne.

Ich werde es auf alle Fälle wieder versuchen…nicht sofort…irgendwann…

…euer Bernd

 

 

 

 

 

 

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